Cornelia Dlabaja, Stiftungsprofessorin für nachhaltige Stadt- und Tourismusentwicklung an der FHWien der WKW, untersucht, wie sich der Massentourismus auf die öffentlichen Infrastrukturen Venedigs auswirkt. In einem Artikel im „International Journal of Urban and Regional Research“ zeigt sie auf, wie lokale Initiativen versuchen, den sozialen Zusammenhalt und das „Recht auf Stadt“ in einer zunehmend kommerzialisierten Umgebung zu bewahren.
Venedig gilt als Symbol für Overtourism und steht exemplarisch für die Herausforderungen historischer Städte. Im „International Journal of Urban and Regional Research“ analysiert Cornelia Dlabaja, wie Massentourismus und Kommerzialisierung zentrale öffentliche Infrastrukturen der Lagunenstadt verändern und teilweise verdrängen.
Öffentliche Räume unter wachsendem Druck
Im Fokus steht das Zusammenspiel von Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen. Im unmittelbaren Alltag zeigt sich der Wandel beispielsweise an fehlenden Sitzmöglichkeiten oder überfüllten Plätzen, die kaum noch auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung ausgerichtet sind. Auf Ebene der Stadtviertel betrifft dies Einrichtungen wie Schulen oder Geschäfte des täglichen Bedarfs, deren Rückgang den Alltag der Bevölkerung erschwert. So führt die Schließung von Schulen beispielsweise zur Abwanderung von Familien. Auf gesamtstädtischer Ebene wirken sich politische Entscheidungen und wirtschaftliche Interessen aus, beispielsweise in Form von Kreuzfahrttourismus, der sowohl die Umwelt als auch die städtische Infrastruktur belastet.
Die Folgen sind tiefgreifend: Die Bevölkerungszahl ist stark gesunken, während touristische Nutzungen dominieren. Wohnraum wird zunehmend für kurzfristige Vermietung genutzt, lokale Geschäfte verschwinden und werden durch touristische Angebote ersetzt. Venedig droht, seine Funktion als Lebensraum zu verlieren und zu einer „Kulisse“ zu werden.
Die Stadt zwischen Lebensraum und Tourismusnutzung
Gleichzeitig zeigt Dlabajas Forschung jedoch auch Gegenbewegungen. So setzen sich lokale Initiativen wie die „Vida-Bewegung” oder das „Comitato No Grandi Navi” aktiv für den Erhalt gemeinschaftlicher Räume ein. Sie organisieren Proteste, Nachbarschaftsaktivitäten und alternative Nutzungen öffentlicher Orte. Die Autorin versteht diese Praktiken als Formen kollektiver „Sorge“ (Care), die darauf abzielen, die Stadt als Gemeingut zu bewahren.
Die Studie macht deutlich, dass die Zukunft Venedigs wesentlich davon abhängt, wie öffentliche Infrastrukturen geschützt und neu gedacht werden und welche Rolle zivilgesellschaftliches Engagement dabei spielt. Davon profitiert auch Wien als urbaner Lebensraum und Tourismus-Hotspot. Als Stiftungsprofessorin für nachhaltige Stadt- & Tourismusentwicklung begleitetet Cornelia Dlabaja die Visitor Economy Strategy Wiens wissenschaftlich. Insbesondere im Kontext des Placemakings untersucht sie, wie Tourismus und Stadtplanung zusammenarbeiten können, um neue urbane Räume zu schaffen, die lokale Bevölkerung und Besuchende gleichermaßen ansprechen. Ende 2025 wurden zwölf konkrete Prinzipien als Leitfaden „The Places To Be“ veröffentlicht.
>> Zum Open-Access-Artikel im International Journal of Urban and Regional Research (in englischer Sprache)
>> Zur Webseite der Stiftungsprofessur für nachhaltige Stadt- und Tourismusentwicklung