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Ich weiß, was ich zu wissen glaube

1. August 2023

In seinem Vortrag beim ISA-Weltkongress der Soziologie in Melbourne (Australien) beschäftigte sich Marian Adolf, Senior Researcher am Department of Communication der FHWien der WKW, mit der Desinformationskrise unserer Zeit.

Diese Desinformationskrise sei nicht nur durch Digitalisierung und Social Media getrieben, sondern durch eine Krise des Wissens. Und damit auch jener gesellschaftlichen Institutionen, die an seiner Produktion und Stabilisierung beteiligt sind, so Marian Adolfs These.

Angezweifeltes Wissen und geleugnete Fakten bringen die Realität zu Fall

Angesichts der gegenwärtigen Desinformationskrise, des Wiederauflebens der Propaganda und der zunehmenden innen- und geopolitischen Polarisierung sind wir erstaunt über die Erosion dessen, was wir für eine stabile soziale Ordnung hielten. Stattdessen erleben wir, wie unsere gemeinsame soziale Realität um uns herum zerbröckelt: Verschwörungstheorien sind weit verbreitet, das Misstrauen gegenüber anderen wächst. Viele Menschen entfremden sich zunehmend von traditionellen sozialen Institutionen. Wissen wird angezweifelt, Fakten werden geleugnet, rationales Handeln kann nicht mehr vorausgesetzt werden. Immer wieder hat man das Gefühl, dass uns der Teppich der gemeinsamen Wirklichkeit unter den Füßen weggezogen wird.

Die Natur des menschlichen Wissens als zentrale Frage

Verschiedene Phänomene wurden als Schuldige ausgemacht, etwa die digitalen Medien, böswillige politische Akteure und ihre Propaganda oder die geistige Orientierungslosigkeit der zeitgenössischen Moderne. Obwohl viele Faktoren eine Rolle spielen, konzentriert sich der Beitrag von Marian Adolf auf die Natur des menschlichen Wissens als den wichtigsten Knotenpunkt, an dem all diese Prozesse ineinandergreifen. Sein Ziel ist ein gemeinsames Verständnis von Kommunikation und sozialer Organisation im digitalen Umfeld der heutigen Gesellschaft. In modernen Gesellschaften, die ganz wesentlich auf medialer Kommunikation beruhen, ist das, was wir gemeinhin Wissen nennen von gesellschaftlichem Vertrauen kaum zu unterscheiden. Daher erweist sich Wissen als ein grundlegend soziales und fragiles Phänomen, das in besonderer Weise mit der Identität des Individuums verbunden ist: Wer wir zu sein glauben, beruht auf unserem Wissen von der Welt. Und unser Wissen von der Welt basiert darauf, wer wir glauben zu sein.

Rückkehr zum sinnvollen Diskurs durch die soziale Natur des Wissens

Diese sozio-epistemologische Einsicht ist der Kern dessen, wer wir als Individuen sind, wofür wir stehen und wonach wir streben. Die Möglichkeit, zu einem sinnvollen Diskurs zurückzukehren, zueinander durchzudringen, beruht daher auf einem tieferen Verständnis der Art und Weise, wie Kommunikation, Wissen und Identität miteinander verwoben sind. Mit anderen Worten, um Strategien für den Wiederaufbau einer gemeinsamen sozialen Realität zu entwickeln, müssen wir die soziale Natur des Wissens besser verstehen.