Bei der Buchpräsentation des Sammelbands „Raum – Theorie – Empirie“ der Herausgeberinnen Cornelia Dlabaja und Sarah Nimführ an der FHWien der WKW wurde deutlich, warum der Raum nicht nur geografisch, sondern auch sozial und politisch relevant ist.
Zum zweiten Mal bot die Veranstaltungsreihe „Science Sq2uare“ den Teilnehmenden die Gelegenheit, Wissenschaft im Gespräch zu erleben. Der gemeinsame Austausch führte zu neuen Erkenntnissen, Perspektiven und Fragen, die uns im Alltag oft selbstverständlich erscheinen. Denn im Zentrum stand ein Thema, das auf den ersten Blick abstrakt wirken mag, uns jedoch alle direkt betrifft: Raum.
Raum als physisches, soziales, symbolisches und emotionales Konzept
Wie in der Präsentation betont wurde, sind Räume nicht einfach „da“. Sie werden sozial produziert von AkteurInnen, die mit unterschiedlichen Ressourcen in Entscheidungsprozessen ausgestattet sind. Sie entstehen auf der Wahrnehmungsebene durch Erinnerungen, und in alltägliche Praktiken. Sie verändern sich laufend. Raum hat somit nicht nur einen materiell-physischen Aspekt, sondern auch einen sozialen, symbolischen Aspekt.
Nach der Begrüßung durch den Gastgeber Marian Adolf erläuterte Cornelia Dlabaja die Entstehung des Buchprojekts und die relevanten theoretischen Zugänge des Sammelbandes. Sarah Nimführ gab einen Überblick über den Aufbau, die Beiträge und die AutorInnen des Buches, deren Forschungsperspektiven insbesondere bei den präsentierten Beiträgen der Herausgeberinnen greifbar wurden.
Inseln der Erinnerung – Räume als Begegnungs- und Kampfzonen
Sarah Nimführ zeigte anhand des „archipelischen Erinnerns“, dass Erinnerung nicht an einem einzigen Ort verankert ist, sondern sich über Generationen und Räume hinwegbewegt. Erinnerungsräume der jüdischen Diaspora in der Karibik sind demnach über Inseln, Generationen und nationale Grenzen hinweg miteinander verwoben. Sie entwickelte ein archipelisches Denken, dass Geschichte, als fragmentarisch, relational und in Bewegung begreift und somit neue Zugänge zu Erinnerung und Zugehörigkeit eröffnet.
Cornelia Dlabaja zeigte entlang der künstlerischen Intervention „KanakAttack“ an der Fassade der Kunsthalle Wien im Wiener Museumsquartier, wie Orte symbolisch umgedeutet werden können. Die gleiche Installation, die in Berlin ein willkommenes Fotomotiv für türkische Hochzeitspaare war, wurde in Wien von Medien und politischen Parteien instrumentalisiert. Somit werden Räume durch Wahrnehmungen und gesellschaftliche Aushandlungen produziert.
Raum als Werkzeug der Forschung und Diskussion
In der anschließenden Diskussion mit dem interessierten Publikum – darunter auch die Autorin Ana Rogojanu – wurde der Raum als Räume des Wettbewerbs, als Werkzeug der Forschung weiter präzisiert. Es zeigte sich: Wer Raum nicht als Kulisse, sondern als Ergebnis sozialer Prozesse versteht, gewinnt eine neue „Brille“ für die eigene Umgebung. Dies gilt sowohl für politische Diskussionen über das Stadtbild als auch für die idealisierte Darstellung von Inseln als Sehnsuchtsorte oder die fortschreitende Gentrifizierung von Stadtteilen.