Von 9. bis 13. Februar 2026 fand die erste von zwei Projektwochen der International School of Multimedia Journalism (ISMJ) 2026 in Wien statt. Studierende der FHWien der WKW arbeiteten gemeinsam mit TeilnehmerInnen aus der Ukraine und Dänemark an multimedialen Reportagen zum Thema Kriegs- und Krisenberichterstattung im digitalen Raum. Die zweite Projektwoche folgt Anfang Juli in Warschau.
Wie lässt sich ein Video aus einem Kriegsgebiet verifizieren? Woran erkennen JournalistInnen manipulierte Inhalte in sozialen Netzwerken? Und wie gelingt eine Berichterstattung über Gewalt und Leid, die informiert, ohne zu überwältigen?
Mit diesen Fragen startete die International School of Multimedia Journalism (ISMJ) 2026 unter dem Leitthema „Reporting Wars – From the Frontline to the Timeline“.
Der Krieg im Newsfeed
Kriegs- und Krisenjournalismus hat sich grundlegend verändert. Informationen zirkulieren in Echtzeit, Bilder verbreiten sich viral, Narrative werden algorithmisch verstärkt. Erste Eindrücke entstehen häufig in Social-Media-Timelines, noch bevor klassische Medien sie einordnen können. Damit wächst die Verantwortung journalistischer Arbeit: Verifikation, Kontextualisierung und ethische Abwägung zählen zu den zentralen Kompetenzen im digitalen Zeitalter.
In international gemischten Teams diskutierten die TeilnehmerInnen, mit welchen Herausforderungen Medienschaffende beim Umgang mit Information, Trauma, Propaganda und der rasanten Geschwindigkeit des Nachrichtenflusses konfrontiert sind. Dabei wurde auch untersucht, welche Rolle digitale Formate bei der Dokumentation von Ereignissen und der Gestaltung gesellschaftlicher Erinnerung spielen.
Recherche & Verifikation in der Praxis
Die Projektwoche begann mit einer Masterclass zu Desinformation und Verifikation. Eva Wackenreuther aus dem ORF-Factchecking-Team erklärte den TeilnehmerInnen, wie verschiedene Desinformationsmethoden funktionieren und wie sich diese verifizieren lassen. Besonderes Augenmerk lag auf der Frage, wie Falschmeldungen auf Telegram entstehen und wie die Studierenden dort selbst recherchieren können.
Anhand von praktischen Übungen erlernten die TeilnehmerInnen digitale Recherchemethoden, rekonstruierten Bildkontexte und diskutierten, welche Informationen belastbar sind und wo Unsicherheiten bleiben. Einblicke in OSINT-Techniken rundeten die Masterclass ab und zeigten, wie Geolokalisierung in der Verifikation eingesetzt wird und warum Social-Media-Monitoring ein zentrales Instrument für Verifikations-JournalistInnen ist.
Als JournalistIn im Kriegsgebiet
Eine zweite Masterclass ergänzte diese digitale Perspektive um praktische Erfahrungen aus dem Feld. Aleksandra Tulej, stellvertretende Chefredakteurin der Wiener Zeitung, gab Einblicke in Arbeitsweisen, Entscheidungsprozesse und Herausforderungen der Berichterstattung aus Krisengebieten. Sie erläuterte, wie sich JournalistInnen vorbereiten, welche organisatorischen und sicherheitsrelevanten Aspekte vorab geklärt werden müssen und wo Improvisation unvermeidbar ist. Dabei ging es auch um ganz konkrete Fragen: Was gehört ins Gepäck? Welche Risiken müssen einkalkuliert werden? Und wie sollten JournalistInnen reagieren, wenn eine Situation eskaliert?
Kreative Projekte und interkultureller Austausch
Der interkulturelle Austausch ist ein wesentlicher Bestandteil der ISMJ: Studierende aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen lernen voneinander und erweitern ihre interkulturellen Kompetenzen. Gleichzeitig liegt der Fokus auf praxisorientiertem Lernen; Recherche, Interviewführung, Videografie und digitales Storytelling sind feste Bestandteile des Programms. Innerhalb einer Woche entwickeln die Teams eigenständige Geschichten, entwerfen Storyboards, führen Interviews und produzieren multimediale Beiträge. Gemeinsame Abendessen und kulturelle Aktivitäten in Wien boten Raum für informellen Austausch und Vernetzung.
Multimediale Projekte 2026
Im Rahmen des Themenschwerpunkts „Reporting Wars“ entstanden mehrere multimediale Features:
War in your feed„Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit“ – dieses Sprichwort, das gemeinhin dem US-Politiker Hiram Johnson zugeschrieben wird, ist heute aktueller denn je. Über soziale Medien verbreiten sich Fehlinformationen, Desinformation und Propaganda mit beispielloser Geschwindigkeit. Was früher Tage oder Wochen brauchte, um sich zu verbreiten, erreicht heute innerhalb von Minuten Millionen von Menschen. Wer die Deutungshoheit hat, kann den Verlauf eines Konflikts beeinflussen. Was kann getan werden, um die Wahrheit zu schützen? Multimedia-Reportage von Yaryna Danyliak, Gustav S. Frisch, Sofiia Koshova, Valentina Perner and Alina Smyk. |
Storyshelling: People who risk their lives to give others a voice2025 war eines der tödlichsten Jahre für Kriegsjournalisten. Dennoch reisen sie weiterhin in Krisen- und Konfliktgebiete, um das durch den Krieg verursachte Leid zu dokumentieren. Wer sind diese JournalistInnen? Warum riskieren sie ihr Leben? Wir haben sie gefragt. Multimedia-Reportage von Zoriana Katola, Solomiia Stanovych, Renja Natalia Prechtl, Signe Nielsen and Christoph Bosnjak. |
Information BlackoutWenn Strom und Internetzugang ausfallen, verlieren JournalistInnen an vorderster Front die notwendigen Mittel, um wichtige Informationen zu überprüfen, zu berichten und weiterzugeben. Vom Krieg in der Ukraine bis hin zu anderen Konfliktgebieten sind Informationssperren zu einer strategischen Waffe geworden, die die Berichterstattung einschränkt. Dies wirft dringende Fragen darüber auf, wie Journalismus funktionieren kann, wenn der Fluss zuverlässiger Informationen unterbrochen ist. Multimedia-Reportage von Anna Pedersen, Iwan Kasprzyk, Yuliia Musianovych, Oleksandra Zharska and Tamila Koval. |
The female fight for the frontlineWie sieht der Arbeitsalltag einer Kriegs- und Krisenreporterin aus? Welche Herausforderungen müssen Sie an der Front bewältigen? Wer waren die Frauen, die den Weg bereitet haben, und wer sind die Frauen, die noch immer die Sichtweise auf Kriegsreporterinnen verändern? Von Alice Schalek bis Aleksandra Tulej, von der Berichterstattung über Weltkriege bis zur Arbeit in modernen Konflikten in Syrien, im Nahen Osten und in der Ukraine. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir mit verschiedenen Kriegs- und Krisenreporterinnen gesprochen und uns ihre Geschichten über ihre Realität angehört. Multimedia-Reportage von Aviana Horvath, Elsa Mayringer, Solomiia Bodnarchuk, Sofiia Dubik and Marcus Norup Refsgaard. |
Fazit und Ausblick
Die Projektwoche in Wien zeigte, wie zentral journalistische Grundtugenden wie Recherche, Verifikation und ethische Reflexion in der Krisenberichterstattung sind. Die TeilnehmerInnen konnten ihre journalistischen Fähigkeiten erweitern, internationale Freundschaften knüpfen und ihr Bewusstsein für medienethische Fragen schärfen – Erfahrungen, die ihren Horizont als NachwuchsjournalistInnen nachhaltig prägen.
Wie bei früheren Ausgaben wird die International School of Multimedia Journalism auch 2026 zwei Projektphasen umfassen: Nach der Wien‑Woche folgt im Juli 2026 eine weitere Projektwoche in Warschau. Mit Unterstützung der beteiligten Institutionen und Partner bleibt das Ziel der ISMJ unverändert: jungen JournalistInnen praxisnahes Handwerk und interkulturelles Verständnis zu vermitteln und damit den unabhängigen Journalismus in Europa zu stärken.
Über die International School of Multimedia JournalismDie ISMJ wurde nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Russisch-Ukrainischen Kriegs 2014 ins Leben gerufen. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Studienbereich Journalism & Media Management der FHWien der WKW, der Ukrainisch-Katholischen Universität Lwiw und dem OeAD-Kooperationsbüro in Lemberg. Ziel war es, die Verbindung beider Länder zu stärken und ein Zeichen der Unterstützung für die Ukraine zu setzen. Seit dem zweiten Jahr ihres Bestehens sind die Danish School of Media and Journalism und das Georgian Institute of Public Affairs als weitere Projektpartner beteiligt. Weitere Informationen über die International School of Multimedia Journalism und alle bisherigen Projektarbeiten können auf der Projekt-Website nachgelesen werden.
Das Projekt wird mit finanzieller Unterstützung durch das Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) durchgeführt und in Kooperation mit dem OeAD-Kooperationsbüro Lemberg, der Ukranian Catholic University sowie dem Österreichischen Kulturforum Warschau umgesetzt. |
