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studio! Ausgabe 3/2020

Im Interview: Josef Haslinger– „Es gibt tausend Arten von Traurigkeit“

Autor Josef Haslinger im studio!-Gespräch über den Tribut der Vergangenheit, das Verhältnis von Intellekt und Gefühl, die Emotionalisierung der Politik und wie es kam, dass, lange nachdem er als Schüler sexuell missbraucht worden war, ein Buch über den Fall entstand.

von Michael Robausch

Sind Sie ein emotionaler Mensch?

Haslinger: Ich würde mir Sorgen machen über jemanden, der kein emotionaler Mensch ist. Gemeint ist wohl, ob man die Emotionen gleich ausdrückt oder sie für sich behält?

Zum Beispiel. Oder ob Sie sich oft in einer Situation finden, die Sie emotional berührt.

Haslinger: Immer öfter, kommt mir vor. Ich bin in einem Alter, in dem immer mehr Bekannte sterben. Ein Freund von mir ist an COVID-19 gestorben, Ende März. Es kam ganz unerwartet. Ich bin jetzt 65, da muss man sich in diesem neuen Lebensgefühl zurechtfinden, dass Freunde verschwinden, mit denen man ein Leben lang zu tun hatte. Das setzt mir im Moment zu.

Es scheint vielen Menschen schwerzufallen, Gefühle auszudrücken …

Haslinger: Gefühle sind nicht etwas, das so einfach in Sprache übersetzt werden kann. Ich kann sagen: »Angst«. Aber es gibt tausend verschiedene Ängste. Ich kann sagen: »Traurigkeit«. Aber es gibt tausend verschiedene Arten von Traurigkeit. Alle diese Begriffe führen noch nicht zu einer konkreten Wahrnehmung dessen, was wirklich in einem Menschen vorgeht. Man kann das auch literarisch nur hinkriegen, indem man eine Situation so beschreibt, dass sie im Detail nachvollziehbar wird – und damit wird auch das Gefühl, das mit dieser Situation verbunden ist, zugänglich.

Was heißt das für den Einzelnen/die Einzelne?

Haslinger: Es gibt einen emotionalen Analphabetismus, der bis in akademische Kreise verbreitet ist. Es kann jemand sein Studium großartig bewältigt haben, und doch vor den größten Problemen stehen, wenn es zum Beispiel darum geht, Mitgefühl auszudrücken. Das führt zu einer gewissen Hilflosigkeit, weil die Menschen ihren Emotionen gleichsam ausgeliefert sind, diese aber nicht artikulieren können. Ich glaube, dass zur Emanzipation des Menschen gehört, in die Lage zu kommen, seinen Gefühlshaushalt anderen zugänglich zu machen.

(c) Christoph Liebentritt

Dass es Begebenheiten aus der Vergangenheit gibt, über die nicht gesprochen wird, dieses Thema zieht sich durch Ihre schriftstellerische Arbeit …

Haslinger: Vergangenheit spielt in allen meinen Büchern eine Rolle. Und es geht auch immer um das Wirken der Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Nun hat es mich auch selbst ereilt, biografisch ereilt. Und im Grunde ist es dasselbe Schema, das ich bei Figuren in Romanen abgehandelt habe: dass sich die Vergangenheit zwar nicht als unüberwindbar erweist, aber doch ihren Tribut fordert. Dinge, von denen ich dachte, ich könne sie hinter mir lassen, habe ich dann doch nicht so einfach hinter mir lassen können. Dazu gehört diese Missbrauchsgeschichte.

Was war die vorherrschende Gefühlslage, als sie sich noch einmal damit auseinandergesetzt und sich entschlossen haben, den Fall Ihres Missbrauchs öffentlich zu machen?

Haslinger: Letztlich bin ich selbst davon überrascht, wie sehr es mich berührt hat, als ich erfahren habe, dass der Haupttäter gestorben ist. Es war für mich so, als wäre ich von einem lebenslangen Schweigegelübde entbunden. Das es natürlich nicht gegeben hat, aber das es auf eine verinnerlichte Weise doch gegeben hat.

Da schwingt auch Erleichterung mit?

Haslinger: Ich habe mir gedacht, jetzt kann ich endlich erzählen, was vorgefallen ist. Und ich muss es denen erzählen, die Mitverantwortung tragen: der Kirche, die Trägerin dieser Einrichtung war, in der mir das widerfahren ist. Und so bin ich zur Klasnic-Kommission gegangen. Dass daraus auch ein Buch geworden ist, das hat mit den merkwürdigen Verwicklungen dort zu tun.

(c) Christoph Liebentritt

Was macht das mit Menschen, wenn man diese Erlebnisse so lange herumträgt, auch weiß, dass da etwas nicht in Ordnung war?

Haslinger: Ich war offenbar sehr gut im Verdrängen und habe darüber hinaus mein literarisches Ventil gehabt. Die psychische Fremdbestimmung, die mir widerfahren ist und die offenbar jahrzehntelang angehalten hat, sehe ich erst jetzt. Ich habe mir das alles ein bisschen schöngeredet.

Wenn Sie stark emotional besetzte Geschehnisse literarisch verarbeiten, fällt Ihre distanzierte Sprache auf. Sie ist sehr deskriptiv, es ist offenbar nicht Ihr Ziel, die LeserInnen emotional zu überwältigen?

Haslinger: Ich will nicht sagen, wie das alles empfunden werden soll. Ich versuche, die Situation zugänglich zu machen. Ich denke, am besten ist es, wenn man das nacherlebbar macht, indem man die äußeren Umstände für die Leserinnen und Leser bereitstellt. Damit sie sich hineinversetzen können in die Figur, die da durchgegangen ist und die in diesem Fall die Figur meiner eigenen Kindheit ist. Die Nüchternheit schafft meines Erachtens nach eine größere Identifikationsmöglichkeit als eine detailreich überladene Darstellung.

Als Schriftsteller verwenden Sie Gefühle auch als Material. Wenn Sie Figuren entwerfen, wie nahe stehen Sie deren Emotionen?

Haslinger: Dem Bösewicht von »Opernball« habe ich einen Teil meiner Biografie verpasst. Ich muss mich in eine Figur hineinversetzen können. Selbst wenn ich das Verhalten der Figur ablehne, ich muss trotzdem mitgehen können, sonst kann die Figur nicht lebendig werden.

Ist der Kunst in der Moderne die Emotion etwas abhandengekommen, während andererseits die Theorie rund um die Kunstwerke immer mehr zunimmt?

Haslinger: Das hat mit den Akademien zu tun, mit Ausbildungen. Die Akademisierung der Künste fördert automatisch die Theorie und stellt für die KünstlerInnen auch eine Hürde dar. Sie müssen das, was sie tun, nicht nur tun, sie müssen es auch noch rechtfertigen und verteidigen. Dass die Kunst dadurch emotionsloser wird, glaube ich eher nicht. Große Kunst lebt immer von der Emotion. Allerdings: Intellekt und Emotion sind nicht gänzlich verschieden. Intellekt ist emotional grundiert und Emotionen haben immer auch einen rationalen Rahmen, in dem sie verstanden werden.

Wie ist das gemeint?

Haslinger: Ein Beispiel: Man trauert am Grab, dann geht man zum Leichenschmaus und nach kurzer Zeit scheint die Trauer wie verflogen. Der Leichenschmaus ist der rationale Rahmen für das Umschlagen der Emotionen. Das ist die Rationalität des Rituellen. Sie dient einem pragmatischen Zweck: Man lernt mit dem Tod umgehen. Er ist ein Teil der Lebenskunst. Im Wirtshaus kann man herzhaft lachen, obwohl man eine Stunde davor noch in Tränen stand.

Gibt es noch genug Raum für Rituale?

Haslinger: Die über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen sind zerbrochen. Irgendetwas muss einspringen, um die emotionalen Verhältnisse zu stabilisieren – und das passiert alles im Fließbandverfahren. Der Stress wird dadurch in Wirklichkeit größer. Als ich ein Kind war, war es noch selbstverständlich, dass man an drei Abenden wachen gegangen ist, wenn jemand im Dorf gestorben ist.

Wie war das?

Haslinger: Da war der Tote im Wohnzimmer aufgebahrt. Auf dem Nachtkästchen steckte eine Kornähre im Weihwasserglas. Man ist in die Stube gegangen und hat als Erstes dem Toten mit Weihwasser das Gesicht besprengt. Davon hat sich dann in den weißen Augenhöhlen ein kleiner See gebildet, die Krawatte war durchtränkt. Der Tod war aber nicht ausgelagert, er war nahe am Menschen.

Sie haben sich vor langer Zeit schon mit der »Politik der Gefühle« auseinandergesetzt und derart charakterisiert, dass Inhalte beliebig veränderbar sind, solange beim Publikum die richtigen Gefühle angesprochen werden. Eigentlich könnten sie das Buch heute genauso noch einmal schreiben …

Haslinger: Ich musste bei der »Politik der Gefühle« einmal die Grundthese für mich sichtbar machen, dass sich Politik von Produktmarketing immer weniger unterscheidet. Mittlerweile ist alles nur noch raffinierter geworden. Die Gesellschaft ist in ihrer politischen Entwicklung in hohem Maß einem Klüngel von Marketingstrategen ausgeliefert.

Gäbe es eine bessere Politik, wenn man die Gefühle aus der Politik hinausschmeißt?

Haslinger: Das kann man nicht. Noch mehr Angst hätte ich vor dem reinen Bürokraten, demjenigen, der eine Gesellschaft rational durchstrukturiert. Solche Konzepte treten in Diktaturen auf und lassen sich mit Massenemotionalisierung durchsetzen.

In der Politik verliert das Authentische gegenüber der Inszenierung an Boden. Aber ist es nicht besser, im Umgang mit dem Gegenüber nicht immer man selbst zu sein? Wird es zwischen zwei authentischen Menschen nicht oft sehr ernsthaft?

Haslinger: Es kann auch lustig werden! Ich weiß meinen Freundeskreis sehr zu schätzen. Ich wachse mit ihm mit und ich verblöde auch mit ihm. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass man im Laufe des Erwachsenwerdens eine Identität ausbildet, die dann für ein Lebtag so bleibt.

Wie kann man es sich vorstellen?

Haslinger: Nicht mehr im Fluss zu sein, so stelle ich mir das Ende vor. Zumindest ist das meine Idee von einem freien Menschen: einer, der in der Lage ist, die alten Dinge abzustreifen und neue zu beginnen; der eine Art Wachsamkeit in der Gesellschaft entwickelt. Ich glaube, dass die Zeiten dafür nicht so schlecht sind.