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studio! Ausgabe 1/2021

Im Interview: Irene Fuhrmann – „Wenn man es jedem recht machen will, muss man Eisverkäufer werden“

Reden Frauen beim Fußballspielen zu viel? Sind Trainerinnen immer beste Freundinnen? Welche Klischees einen wahren Kern haben und wie man ein Team erfolgreich führt, verrät Irene Fuhrmann, die Trainerin des Frauen-Fußballnationalteams.

von Renate Süß

Wie ist oder wird man ein guter Coach?

Fuhrmann: Wenn man den extrovertierten, emotionalen Jürgen Klopp mit dem ruhigen Carlo Ancelotti vergleicht: Das sind zwei konträre Typen, aber großartige Trainer. Es gibt also nicht DIE Eigenschaften, die ein Trainer braucht. Das Wichtigste ist, zu zeigen: Ich bin ich und ich bin, wie ich bin. Und ich werde auf keinen Fall versuchen, jemanden zu kopieren. Ich glaube, dass mich eine gewisse emotionale Intelligenz, eine gewisse Empathie auszeichnet. Ganz wichtig ist mir außerdem, klar zu kommunizieren, damit auch jeder und jede klare Erwartungen hat. Das gilt in Richtung der Spielerinnen genauso wie für den Betreuerstab. Dann braucht es eine klare Kompetenzverteilung und natürlich Offenheit für Feedback.

Was ist die größte Herausforderung als Führungskraft für Sie?

Fuhrmann: Als der Betreuerstab größer wurde, musste ich lernen, zu delegieren und loszulassen. Aber dadurch, dass ich großes Vertrauen in meine Mitarbeiter habe, ist mir das sehr schnell gelungen.

Sie haben lange mit Dominik Thalhammer zusammengearbeitet. Da nimmt man schon auch etwas mit, oder?

Fuhrmann: Natürlich! Die strategische Herangehensweise, die Detailarbeit: Da hat er mich extrem geprägt. Von Dominik Thalhammer habe ich gelernt, wie wichtig eine fundierte Gegneranalyse ist. Ich mag es nicht, unvorbereitet zu sein. Das Betreuerteam schaut sich dazu meistens die letzten fünf Spiele eines Gegners auf Video an, bei schwierigen Spielen auch mehr. Für die Spielerinnen erstellen wir Matchpläne und machen 20-minütige Besprechungen. Da zeigen wir anhand von Schlüsselszenen, was der Gegner besonders gut macht, und bieten Lösungen an, wie wir dagegenhalten könnten.

Matthias Dorninger

Machen Sie Vorgaben, die zwingend umzusetzen sind?

Fuhrmann: Defensiv sind die Spielerinnen gefordert, sich eins zu eins an unsere Vorgaben zu halten, sonst funktioniert das System des Teams nicht. Offensiv gibt es mehr Freiräume, da geben wir ihnen Optionen und Werkzeuge an die Hand. Wir wollen, dass die Spielerinnen verstehen, was sie bewirken, wenn sie verschiedene Räume anlaufen, aber während des Spiels sollten sie im besten Fall darüber nicht mehr nachdenken müssen.

Wie gehen die Spielerinnen mit strategischen Neuerungen um?

Fuhrmann: Total offen, wenn man sie gut begründet. Und sie verlangen auch nach taktischen Vorgaben, sie wollen aber verstehen, warum wir was machen. Man darf vor lauter Taktik aber natürlich die Intuition nicht vergessen. Ich glaube, wir Frauen tendieren dazu, zu viel nachzudenken. Männer sind da oft intuitiver.

Sind Frauenmannschaften anders als Männerteams?

Fuhrmann: Da ich bislang nur Frauenteams trainiert habe, fehlt mir der Vergleich. Einer unserer Trainer, der bisher im Männerfußball gearbeitet hat, sagt immer, dass wir aufpassen müssen, nicht zu viel zu reden. Dass sich die Spielerinnen am Platz besprechen, kannte er vorher nicht. Die Männer, sagt er, wollen oftmals einfach nur spielen. Was ihn beeindruckt, ist, dass die Spielerinnen immer Vollgas geben. Beim Aufwärmen möchte er sie manchmal sogar bremsen.

ÖFB/Kelemen

Wie ist Ihre Faszination für den Fußball entstanden?

Fuhrmann: Mein älterer Bruder Peter hat mich immer in den Park mitgenommen. Wir haben im Käfig gekickt. Das war eine unbeschwerte Zeit, keiner hat gesagt, wie wir es machen müssen. Ich weiß nicht, ob ich genauso viel Spaß gehabt hätte, wenn ich als Kind oder Jugendliche in einem Verein gewesen wäre.

Sind Sie deshalb erst mit 19 einem Fußballverein beigetreten?

Fuhrmann: Ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen, wir haben ja sowieso ständig gespielt. Schon in der Volksschule habe ich mit den Burschen auf den Ausflügen gekickt. Beim Turnunterricht sind die Burschen oft zu uns Mädchen rübergekommen und haben gefragt: Darf die Irene mit uns Fußball spielen? In der Schülerliga durfte ich als Mädchen damals allerdings nicht spielen. Die Burschen haben gesagt: Schneid dir die Haare ab, setz dir ein Kapperl auf, dann kriegt keiner mit, dass du ein Mädchen bist! Aber das wollte ich nicht.

Wie sind Sie letztlich zu einem Verein gekommen?

Fuhrmann: Die Fußball-Professorin im Sport-Studium auf der Schmelz hat nicht glauben können, dass ich bei keinem Verein spiele. Sie hat mir gesagt, dass der USC Landhaus um die Meisterschaft mitspielt. Und da habe ich mir gedacht: Dann schaue ich dorthin. Dass ich das gemacht habe, war der erste Schlüsselpunkt meiner Karriere. Denn nur über den Verein konnte ich ins Nationalteam kommen – und über meinen Nationaltrainer, Ernst Weber, der mich 2008 gefragt hat, ob ich als Assistenz-Trainerin mitarbeiten will, hatte ich plötzlich einen Fuß im ÖFB. Dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte, war also auch Zufall.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich als Spielerin in eine Mannschaft zu integrieren?

Fuhrmann: Nein, diese acht Jahre waren eine extrem gute Zeit für mich. Zuerst hat man mich in den Sturm gesteckt. Ich hatte ja von Mannschaftsfußball keine Ahnung. Aber ich war gut am Ball, also haben sie gesagt: Bring ihn nach vorn – und wenn du ihn verlierst, hast du zehn andere hinter dir. Kurz darauf wechselte ich ins zentrale Mittelfeld. Aber dazu musste ich lernen, was meine Aufgaben sind. Im Park gibt es keine Struktur, da rennst du einfach und spielst.

Sie sagen, Sie durften ins zentrale Mittelfeld. Ist es nicht normaler­weise der Traum jeder Fußballerin, Stürmerin zu sein?

Fuhrmann: Weil ich immer auf sehr kleinem Feld gespielt hab, war mein Abschluss nicht so gut, dafür aber meine Technik. Wenn du auf engem Raum und ohne viele Regeln spielst, lernst du intuitiv, wie du Bälle verteidigst und Gegner überspielst. Du bekommst ein gutes Spielverständnis. Das waren meine Stärken, so habe ich es geschafft, ins Nationalteam zu kommen.

Wie integrieren Sie junge Talente in die Mannschaft?

Fuhrmann: Da ist die Truppe selbst extrem toll. Wir haben nicht den Star, der sich etwas herausnimmt. Die Spielerinnen schauen drauf, dass ihr Ich im Wir Platz hat. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist einer der Gründe, warum ich den Job unbedingt machen wollte. Die Älteren holen die Jungen ins Boot. Wenn sehr junge Spielerinnen neu zum Team stoßen, muss man nämlich aufpassen, dass sie nicht vor Ehrfurcht erstarren, weil sie mit ihrem Vorbild trainieren dürfen. Und trotzdem soll die Leistung im Vordergrund stehen und sollen sich die Spielerinnen gegenseitig fordern und dadurch fördern.

Sie müssen auch enttäuschen – wenn beispielsweise eine Stammspie­lerin auf der Bank sitzt, weil sie nicht in Form ist …

Fuhrmann: Das ist nicht leicht, das sind Persönlichkeiten, die sich einen Status erspielt haben. Da braucht es Einzelgespräche, um die Erwartungshaltung der Spielerinnen mit meinen Vorstellungen abzugleichen. Dann wissen die Spielerinnen, woran sie sind. Offene Kommunikation nimmt viel an Konfliktpotenzial. Diesen Gesprächen muss ich mich stellen, das gehört zum Führen dazu. Wenn man es jedem recht machen will, muss man Eisverkäufer werden.

Sind Sie eher die freundschaftliche Führungskraft oder eher distanziert?

Fuhrmann: Ich bin zugänglich, wenn man mit mir sprechen möchte, aber ich schätze professionelle Distanz. Es ist ein Klischee, dass weibliche Trainer immer die besten Freundinnen der Spielerinnen sein wollen.

Sind Sie per Du oder per Sie mit den Spielerinnen?

Fuhrmann: Das ist unterschiedlich, aber mir nicht besonders wichtig. Ich nenne die Spielerinnen ja auch beim Vornamen – und das sind genauso erwachsene Frauen wie ich. Es geht darum, dass wir respektvoll miteinander umgehen.

Wie treffen Sie Ihre Entscheidungen?

Fuhrmann:  Ich analysiere, habe meinen Betreuerstab, bei dem ich Meinungen einhole. Und ich höre auch auf mein Bauchgefühl. Aus all dem treffe ich eine Entscheidung. Und wenn man sie getroffen hat, muss man auch dazu stehen. Die Letztverantwortung zu haben, ist mein Job. Jede Entscheidung bringt mich weiter, auch eine falsche.

Wie viel ist Emotion, wie viel Analyse?

Fuhrmann:  Klar ist Fußball mit starken Emotionen verbunden, und die erste subjektive Wahrnehmung während oder nach einem Spiel ist damit aufgeladen, aber dann geht es an die Analyse. Ich weiß gar nicht, wie man das früher ohne Video gemacht hat. Denn der erste Eindruck stimmt oft nicht. Ich gehe aus Spielen mit einem super Gefühl raus, in der Analyse relativiert sich das aber oftmals – und umgekehrt.

Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Fuhrmann:  Das Schöne am Fußball ist, dass der Zufall immer mitspielt. Man muss ein Spiel auch einfach mal abhaken können. Wenn man bei der Analyse Schlechtes findet, muss man dran arbeiten, aber man muss auch aufpassen, dass man sich nicht runterziehen lässt. Und man darf sich Dinge nicht schlechtreden lassen.

Wohin soll die Reise mit dem öster­reichischen Frauenfußball gehen?

Fuhrmann:  Da gibt es noch viel zu tun. In der Liga haben wir noch keine hauptberuflichen Trainer, weil die Vereine die finanziellen Mittel dafür nicht haben. Wir müssen die Liga Step by Step professionalisieren. Dass wir jetzt einen Ligasponsor haben, hilft uns da natürlich enorm. Weiters ist es ganz wichtig, viel mehr Mädchen zum Fußball zu bringen.

Was sagen Sie jungen Mädchen: Warum ist Fußball ein großartiger Sport?

Fuhrmann:  Man lernt, sich individuell durchzusetzen und ist doch Teil einer Mannschaft, spürt das Wir-Gefühl, das Miteinander. Das ist nicht nur extrem cool, man kann das auch ins Leben mitnehmen!

ÖFB/Kelemen

Irene Fuhrmann

Die 40-Jährige ist seit Juli 2020 Teamchefin der Österreichischen Fußballnationalmannschaft der Frauen und die erste Frau in dieser Position. Nach ihrer Karriere als Spielerin (bis 2008) arbeitete sie als Co- und Nachwuchstrainerin beim ÖFB.