M!LK: Frau Ederer, verhandeln Sie gerne – oder ist das eine lästige Sache, die zum Job gehört?
BRIGITTE EDERER: Ich verhandle gerne. Es ist ja auch ein Spiel: Wer gut vorbereitet ist, kann am Ende des Tages zufrieden sein.
Wo ist dieses Gefühl befriedigender, in der Wirtschaft oder in der Politik?
EDERER: Beides ist ähnlich. Wenn man verhandelt, möchte man ein Anliegen durchsetzen. Das Gegenüber will aber etwas anderes, im Ganzen oder in Teilbereichen. An dieser Stelle beginnt das Spiel: Wer setzt sich stärker durch, wer gewinnt? Die Kunst besteht darin, so zu gewinnen, dass der andere nicht sein Gesicht verliert. Es braucht soziales Gespür, um diese Balance zu finden.
Wie bereiten Sie sich auf Verhandlungen vor?
EDERER: Ich setze mich eine halbe Stunde hin und spiele das Szenario im Kopf durch: Was könnte vom Gegenüber kommen, was könnte ein Kompromiss sein? In diesem Moment bin ich auch die andere Seite.
Werden Sie bei der „echten“ Verhandlung trotzdem manchmal überrascht?
EDERER: Ich würde sagen, in 80 Prozent der Fälle funktioniert meine Strategie. Aber in 20 Prozent kommt tatsächlich etwas daher, an das ich nicht mal im Ansatz gedacht habe.
Wie überraschen Sie die andere Seite?
EDERER: (lacht) Durch eine paradoxe Intervention. Wenn jemand kommt und eine übertriebene Forderung stellt, kann man sofort nachgeben – und zugleich Bedingungen stellen. In Wahrheit packt man so viel dazu, dass man in einem Punkt zwar nachgibt, insgesamt aber sogar profitiert.
Ein gutes Verhandlungstraining dürfte Ihre Studienzeit gewesen sein. Damals haben Sie sich politisiert.
EDERER: Ich hatte schon damals starke Meinungen, musste aber gleichzeitig versuchen, praktische Lösungen zu finden. Das „Bohren harter Bretter“ in der Politik ist eine gute Schule.
Haben Sie damals auch Fehler gemacht?
EDERER: Einer meiner größten Fehler gilt nicht nur für die junge Brigitte Ederer, sondern auch für die ältere: Ich habe manchmal die Vorstellung, dass ich genau weiß, was gut ist und richtig, und bin dann oft nicht bereit, ein bisschen mehr Kompromisse zu machen. Mehr Gelassenheit hätte mir schon in frühen Jahren gutgetan.
Würden Sie sich als „stur“ bezeichnen?
EDERER: Stur nicht. Es ist eine Mischung aus Jähzorn und Besserwisserei.
Kann diese Mischung auch ein Vorteil sein?
EDERER: Einige, mit denen ich in meinem Leben verhandelt habe, würden sagen: Die Ederer, die ist ein harter Knochen.
Wann ist denn ein Verhandlungsergebnis für Sie befriedigend?
EDERER: Nie! – Ich kann mich über Erfolge weniger freuen. Oft fällt mir im Nachhinein ein, was ich noch hätte durchsetzen müssen, um eine wirklich hervorragende Lösung zu erreichen. Ich gehe das Gespräch dann durch und denke mir: Da hättest du ansetzen müssen, da war ein Schwachpunkt.
Wie lange im Nachhinein geht es Ihnen so?
EDERER: Bei vielen Verhandlungen ist das bald abgeschlossen. Und dann gibt es die, in denen ein Gegenüber mich dazu gebracht hat, das Gesicht zu verlieren. So etwas merke ich mir ein Leben lang – selbst wenn es mit 15 in der Jugendorganisation passiert ist. Daher achte ich selbst darauf, dass ich meine Verhandlungspartner nie persönlich beleidige oder demütige. Dieses Land ist klein – man trifft sich immer zweimal.
Sind Sie mit zunehmendem Alter und mehr Erfahrung milder geworden?
EDERER: „Mild“ wäre das falsche Wort, aber man weiß, dass man nicht alles übers Knie brechen sollte.
Stichwort: EU-Beitritt. In den frühen 1990er-Jahren haben Sie in Vertretung von Kanzler Vranitzky Österreichs EU-Beitritt mitverhandelt. Von außen betrachtet die wahrscheinlich wichtigste Verhandlung Ihres Lebens, oder?
EDERER: Ja, aus beruflicher Sicht ist das sicher mein größtes Asset. Ich spüre bis heute den Druck von damals. Mir war klar, jeder noch so kleine Funken Nachgeben kann dazu führen, dass Österreich nicht beitritt – weil in der Folge die Volksabstimmung negativ ausgeht. (siehe Factbox, Anm.)
Wie würden Sie die damalige Stimmung und die Kräfte beschreiben, die auf Sie eingewirkt haben?
EDERER: Ich habe ab 1992 begonnen, die Menschen zu überzeugen – zu einer Zeit, als die Mehrheit der Österreicher noch skeptisch war. Meine Aufgabe war die innerösterreichische Vorbereitung des EU-Beitritts. Außenminister Alois Mock übernahm diese Vorbereitung nach außen hin. Im Nachhinein betrachtet hätte die Mischung besser nicht sein können: eine jüngere Frau, Sozialdemokratin, und ein erfahrener, älterer Diplomat.
Können Sie sich noch an die Argumente von damals erinnern?
EDERER: Das war ein sehr emotionales Thema: Gemeinsam statt einsam. Das galt weniger inhaltlich als vom Gefühl her – als so kleines Land können wir nicht ganz allein bleiben. Aber natürlich waren gewisse Sachthemen wichtig, wie der umstrittene Transitvertrag.
In Brüssel haben Sie gemeinsam mit dem damals schon kranken Alois Mock drei Tage und Nächte durchverhandelt. Wie schafft man das?
EDERER: Das dürfen Sie sich nicht so vorstellen, dass man andauernd gemeinsam an einem Tisch sitzt: Wir verhandelten die einzelnen Kapitel des Beitrittsvertrags mit dem jeweils zuständigen EU-Kommissar. So haben wir ein Thema nach dem anderen ausgehandelt und zwischendurch immer wieder auf Vorschläge gewartet.
Wie hat sich diese Ausnahmesituation damals für Sie angefühlt?
EDERER: Diese drei Tage in Brüssel waren das letzte Mal, dass es so eine enge Gemeinschaft zwischen ÖVP- und SPÖ-Funktionären gab. Da hat man gar nicht mehr erkannt, wer welcher Partei angehört. Der Wille, gemeinsam ein gutes Ergebnis für Österreich auszuverhandeln, hat uns damals geeint.
Brigitte Ederer
(*1956) ist Juristin, Politikerin und Managerin. In den 1990er-Jahren prägte sie als Staatssekretärin für EU-Angelegenheiten maßgeblich Österreichs Weg in die Europäische Union.
Nach ihrer politischen Laufbahn wechselte sie in die Wirtschaft, unter anderem als Vorstandsmitglied von Siemens Österreich.
Heute ist sie u. a. Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB und gilt als eine der profiliertesten Verhandlerinnen an der Schnittstelle von Politik und Wirtschaft.
Österreichs EUBeitrittsverhandlungen
| Verhandlungsbeginn: Februar 1993 | Abschluss: März 1994 in Brüssel |
- Zentrale Themen: Transitverkehr, Landwirtschaft, Neutralität, Budgetbeiträge
- Österreichisches Verhandlungsteam: unter politischer Gesamtverantwortung von Bundeskanzler Franz Vranitzky und Außenminister Alois Mock
- Rolle von Brigitte Ederer: Staatssekretärin für EU-Angelegenheiten; verantwortlich für die innerösterreichische Koordination und politische Vorbereitung des Beitritts; im CEO-Podcast von „DER STANDARD“ erzählte sie kürzlich, wie kränkend es gewesen sei, dass sie den Beitritt zwar verhandeln, aber nicht mitunterzeichnen durfte.
- Volksabstimmung: 12. Juni 1994 – 66,6 % Zustimmung
- EU-Beitritt: 1. Jänner 1995 (gemeinsam mit Finnland und Schweden)
- Bedeutung: größter außen- und wirtschaftspolitischer Schritt Österreichs seit 1945
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Coverstory: Meine Ziele durchboxen?
Wir stehen nicht nur im Ring, wenn es um Millionen geht. Wir verhandeln täglich: über Budgets, Zuständigkeiten, Deadlines – und über unseren eigenen Wert. Wer dabei nur auf Durchsetzung setzt, verliert oft mehr, als er gewinnt. Denn gute Verhandlungen sind kein Schlagabtausch, sondern ein strategisches Zusammenspiel aus Haltung und guter Vorbereitung.Eine Schwerpunktstrecke zum Thema Verhandeln. -
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