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M!LK Ausgabe 1 | 2026

„Fast tut uns Stromberg in seiner Großmannssucht leid“

Kommunikationswissenschaftler Marian Adolf erklärt, warum eine TV-Serie über einen unausstehlichen Chef mehr über Führung verrät als manches Management-Handbuch.

Interview: Maya McKechneay

Früher, sagt Marian Adolf, war es leichter, mit popkulturellen Bezügen zu arbeiten. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren gab es noch das eine Pop-Album, die eine Serie, den einen Roman – und alle wussten, wovon man sprach. Heute ist die Popkultur stärker fragmentiert – und gemeinsame Bezugspunkte sind seltener. Oft können sich die Studierenden nicht einmal untereinander austauschen, weil alle ihrem jeweils eigenen Social-Media-Feed folgen.

Kultur spiegelt Gesellschaft

Und trotzdem ist der Kommunikationswissenschaftler, der an der FHWien der WKW forscht und lehrt, nach wie vor ein Fan von Popkultur und „Cultural Studies“: „Ich war schon immer ein begeisterter Leser, Kinogänger, Musikfan und DJ“, erzählt er beim Gespräch im Café Schopenhauer. „Meine Frage war damals und ist heute: Was können wir aus der Betrachtung der Kultur über unsere Gesellschaft erfahren?“

Ein gutes Beispiel ist für ihn die deutsche TV-Serie „Stromberg“ mit Christoph Maria Herbst in der Rolle des narzisstischen Chefs, der „sich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen schwingt. Er lässt uns fremdschämen, fast tut uns Stromberg in seiner Großmannssucht schon leid. Dabei ist er aber so unausstehlich, dass wir ihn nicht mögen können.“

Die Serie „Stromberg“ entdeckte Adolf in den Zweitausendern während seiner Zeit in Deutschland. Als deutsche Adaption der Serie „The Office“, die in den USA und Großbritannien populär war, griff sie den Tonfall in bundesdeutschen Großraumbüros auf und thematisierte die aufkommende Political Correctness, indem sie die Hauptfigur und ihren Sidekick Berthold „Ernie“ Heisterkamp (Bjarne Mädel) gegen alle Regeln des Anstands verstoßen ließ. 2014 und 2025 kehrte die Figur Stromberg als Kinofilm zurück.

© feelimage/Matern

Lachen befreit

Adolf glaubt, dass der geltungssüchtige Stromberg das Potenzial hat, sein Publikum zu einem reinigenden Lachen zu bewegen – im Idealfall sogar zu einem Stück Selbsterkenntnis. „Eine einzelne Folge oder ein einzelner Spruch wird die Gesellschaft oder die Arbeitskultur nicht verändern. Aber wenn ein narzisstischer Charakter so entblößt wird, erkennen wir, wie ehrliches Miteinander funktioniert – und wie eben nicht. Popkultur wirkt immer auch erzieherisch, indem sie uns die Normen und Werte ihrer Zeit vor Augen führt.“

Und denkt er, Marian Adolf, durch die Serie auch mehr über Hierarchien nach, etwa beim Umgang mit den Studierenden? Der Kommunikationswissenschaftler lacht und erzählt, wie er selbst einen seiner Uni-Dozenten während der Studienzeit erlebt hat: „Der saß versteckt hinter einem dicken Buch und raunte einen Sermon vor sich hin, dem niemand folgen konnte. Er gab uns Studierenden keinen Kontext, keine Orientierung. Ich fand das so schrecklich, dass ich mir geschworen habe, wenn ich je selbst unterrichte, mache ich es anders.“

Die Wissenschaft dient nur der Wahrheit

Dann erklärt er: „Bis zu einem gewissen Grad ist eine Laufbahn in der Wissenschaft ja auch der Versuch, Hierarchien zu entkommen. Weil die Wissenschaft in Wirklichkeit nur einer Instanz verpflichtet ist, nämlich der Empirie, der Suche nach der Wahrheit. Zugleich verdrängt man in der Wissenschaft soziale und institutionelle Hierarchien gerne; man blendet sie aktiv aus.“ Aber, kommt der Forscher zur Ausgangsfrage zurück: Er versuche, seinen Studierenden mit Humor zu begegnen, sie auch zu unterhalten. Frontalvorträge mag er nicht, auch wenn er glaubt, dass es ein gewisses Maß an Grundlagenvermittlung braucht, bevor man „auf Augenhöhe“ in den gemeinsamen Diskurs gehen kann. „Zum Glück“, sagt Marian Adolf, „ist so ein Austausch auf Augenhöhe in den noch jungen, praxisorientierten Fachhochschulen vergleichsweise schnell möglich. Kaum etwas motiviert so sehr wie engagierte, wissenshungrige Studierende, die einem Löcher in den Bauch fragen.“

Marian Adolf

… ist Kommunikationswissenschaftler und Professor an der FHWien der WKW.

Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien, Gastprofessor u. a. in Kanada und anschließend Lehrstuhlinhaber für Medienkultur an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Schon in seiner Dissertation unter dem Titel „Die unverstandene Kultur – Perspektiven einer kritischen Theorie der Mediengesellschaft“ (2006) befasste er sich mit der Rolle der Medien und Popkultur für die zeitgenössische Gesellschaft.

„Stromberg“ – Serie und Kinofilm

„Stromberg“ ist eine deutsche Comedy-Serie im Stil einer Mockumentary. Im Zentrum steht Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst), der ebenso inkompetente wie narzisstische Leiter einer fiktiven Versicherungsabteilung für Schadensregulierung.

Die Kinofilme „Stromberg – Der Film“ (2014) und „Stromberg – Wieder alles wie immer“ (2025) führen die Geschichte fort und wurden – wie große Teile der Serie – von Arne Feldhusen inszeniert.

Die Serien-Staffeln (1–5) sind aktuell bei mehreren Streaming-Anbietern im Abo verfügbar.

Trailer des neuen Kinofilms: constantinfilm.at/kino/stromberg-derneue-film

3 Lektionen vom schlimmsten Chef der Welt

Manchmal erkennt man den richtigen Weg auch an den Fehlern anderer. In diesem Sinn gibt der narzisstische Abteilungsleiter Bernd Stromberg ein wunderbares Negativbeispiel für Führungskräfte ab:

  1. Erst zuhören und dann reden.

    Viele komische Situationen in „Stromberg“ ergeben sich, weil der Chef selbstherrlich handelt, bevor er das Problem versteht.

  2. Unterschiede und Begabungen sehen.

    Wer, wie der Misanthrop Stromberg, vermeintlich Schwächere verachtet, stößt bald an seine Grenzen. Man sollte nicht per se davon ausgehen, dass andere dümmer sind als man selbst. Besser: anderen Gutes zutrauen.

  3. Wertschätzung vorleben.

    Eine Führungskraft, die Missgunst ausstrahlt und Mobbing toleriert, darf sich nicht wundern, wenn das Team diese – wenig produktive – Stimmung spiegelt.

Cover M!LK Magazin 1/2026