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Campus-Blog & News

Historische Städte durch regenerativen Tourismus stärken

1. September 2026

In ihrem kürzlich erschienenen wissenschaftlichen Beitrag „Caring for Cultural Heritage Cities through Regenerative Tourism“, der im Routledge Handbook on Regenerative Tourism and Hospitality veröffentlicht wurde, beschäftigt sich Stiftungsprofessorin Cornelia Dlabaja mit der Zukunft historischer Tourismusstädte. Im Mittelpunkt steht die Idee des regenerativen Tourismus: Tourismus, soll Städte nicht nur als Reiseziele nutzen, sondern vor allem als lebenswerte Orte für ihre Bevölkerung erhalten und weiterentwickeln und einen positiven Beitrag für lokale Gemeinschaften, Wirtschaft und Umwelt leisten.

Historische Städte wie Venedig, Salzburg oder Wien ziehen jedes Jahr zahlreiche Gäste an. Doch was passiert, wenn sich ganze Stadtteile zunehmend an den Bedürfnissen des Tourismus statt an jenen der lokalen Bevölkerung orientieren? Und wie lässt sich Tourismus so gestalten, dass er nicht nur weniger Schaden verursacht, sondern aktiv zur Lebensqualität einer Stadt beiträgt?

Wenn sich Städte durch Tourismus verändern

Eine zentrale Herausforderung für historische Städte sieht die Stiftungsprofessorin für nachhaltige Stadt- & Tourismusentwicklung in der Touristifizierung. Damit bezeichnet sie einen Prozess, bei dem touristische Bedürfnisse zunehmend die Nutzung von Stadträumen, Infrastrukturen und soziale Beziehungen prägen.

Die Auswirkungen zeigen sich auf unterschiedlichen Ebenen. Kurzzeitvermietungen verändern oft den Wohnungsmarkt und verknappen leistbaren Wohnraum in historischen Zentren. Geschäfte des täglichen Bedarfs weichen Souvenirshops und anderen touristischen Angeboten. Gleichzeitig verändern große BesucherInnenzahlen die Nutzung des öffentlichen Raums und verursachen zusätzliche Kosten, etwa für Abfallentsorgung.

Sieben Aushandlungsbereiche unterschiedlicher Interessen

Um solche Entwicklungen systematisch zu untersuchen, entwickelt Dlabaja ein analytisches Modell mit sieben „Areas of Negotiation“ – sieben Aushandlungsbereichen. Dazu gehören

  • lokale Wirtschaft und Standortentwicklung,
  • Erdgeschoßzonen und öffentlicher Raum,
  • Alltagsleben,
  • touristische Mobilitätsströme,
  • demografische Entwicklung,
  • das Image einer Destination,
  • Wohnen und öffentliche Infrastruktur.

Das Modell veranschaulicht, dass Overtourism nicht allein eine Frage der Zahl der Reisenden ist. Tourismus steht vielmehr in enger Verbindung mit Stadtentwicklung, Wirtschaft, Mobilität, Wohnpolitik und dem Alltag der Bevölkerung. Beispiele aus Venedig, Hallstatt, Salzburg, Lissabon, Wien und Rotterdam zeigen unterschiedliche Ausprägungen dieser Prozesse.

Für Dlabaja braucht es deshalb ein Zusammenspiel verschiedener AkteurInnen. Bevölkerung, Stadtverwaltung, Politik, Regionalentwicklung, Destinationsmanagement, lokale Unternehmen sowie Forschung und Bildung gehören zu den von ihr identifizierten „Actors of Transformation“. Strategische Allianzen zwischen diesen Gruppen bilden eine wichtige Voraussetzung für regenerative Tourismusentwicklung.

Vom nachhaltigen zu regenerativen Tourismus

Der regenerative Ansatz geht dabei einen Schritt weiter als klassische Nachhaltigkeitskonzepte. Dlabaja zeichnet nach, wie sich die Diskussion von nachhaltigem Tourismus über regenerative Gestaltungskonzepte bis zum regenerativen Tourismus entwickelt hat. Vereinfacht gesagt lautet die zentrale Frage nicht mehr nur: Wie können negative Auswirkungen möglichst gering bleiben? Sondern: Wie kann Tourismus dazu beitragen, einen Ort positiv weiterzuentwickeln?

Ein Beispiel dafür findet Dlabaja in Rotterdam. Dort werden regenerative Ansätze genutzt, um lokale Stadtviertel einzubeziehen. Touristische Aktivitäten sollen der lokalen Gesellschaft etwas zurückgeben – etwa bei einer Bootsfahrt, bei der gleichzeitig Müll aus den Kanälen gesammelt wird.

Venedig und Wien: Zwei unterschiedliche Formen von „Care“

Einen besonderen Stellenwert nimmt in Dlabajas Beitrag das Konzept der „Caring City“ ein. Dabei stellt sie Wien und Venedig gegenüber.

Wien beschreibt sie als Beispiel einer „Caring City“, in der die Stadt selbst Verantwortung für wesentliche Bereiche des Lebens übernimmt. Langfristige Stadtplanung, öffentlicher Verkehr, leistbares Wohnen, eine digitalisierte Verwaltung sowie Strategien für Klima und Visitor Economy schaffen dafür strukturelle Voraussetzungen.

In Venedig zeigt sich „Care“ dagegen stärker als „Caring for the City“: BewohnerInnen organisieren sich selbst, um öffentliche Infrastruktur, Nachbarschaften und das empfindliche Ökosystem der Lagune zu schützen. Dlabaja beschreibt etwa Bürgerinitiativen, gemeinschaftliche Aktivitäten, Urban Gardening oder Interventionen im öffentlichen Raum. Solche Praktiken können Nachbarschaften stärken und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Overtourism erhöhen.

Tourismus als Beitrag zu einer lebenswerten Stadt

Dlabajas Forschung macht deutlich, dass die Zukunft historischer Tourismusstädte nicht allein durch Tourismusmanagement entschieden wird. Wohnen, Mobilität, öffentlicher Raum, lokale Wirtschaft, soziale Infrastruktur und Beteiligungsmöglichkeiten müssen gemeinsam betrachtet werden.

Regenerativer Tourismus bedeutet in diesem Verständnis auch, Verantwortung für einen Ort zu übernehmen. Neben der Regulierung von Wohnraum und Besucherströmen nennt Dlabaja strategische Kooperationen, die Förderung lokaler Initiativen und partizipative Budgets als mögliche Instrumente. Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf erfolgreiche Tourismusentwicklung: Eine historische Stadt ist nicht nur eine Destination, sondern vor allem ein Lebensraum. Regenerativer Tourismus setzt dort an, wo die Bedürfnisse von Gästen mit jenen der Menschen verbunden werden, die eine Stadt täglich nutzen, gestalten und erhalten.

>> Mehr Informationen über die Stiftungsprofessur für nachhaltige Stadt- & Tourismusentwicklung