Wie wird ein abgeschottetes Hochsicherheitslager an den Außengrenzen der EU hörbar? Anja Troelenberg gab im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Abend im Hörfeld” von Radio Radieschen Einblicke in die von ihr und Franziska Grillmeier gestaltete Ö1-Serie „Border Business“.
Im Festsaal C517 der FHWien der WKW sprach Journalistin Anja Troelenberg über die Frage, wie sich kaum zugängliche Orte und komplexe politische Systeme im Medium Audio erzählen lassen. Moderiert wurde der Abend von Vincent Leb und Franziska Fries.
Border Business: Recherche am Beispiel Samos
Gemeinsam mit Franziska Grillmeier produzierte Troelenberg für Ö1 die Serie „Border Business – Das Geschäft mit Europas Grenzen“. Im Fokus des Abends stand die dritte Folge „Die Technik: Schauplatz Griechenland (3)“, die auf die Insel Samos führt. Dort wurde 2021 eines der ersten „Closed Controlled Access Centers“ (CCACs) eröffnet – ein mit EU-Geldern finanziertes Hochsicherheitslager und Pilotprojekt für Europas Außengrenzen.
Überwachung, Kontrolle, Grundrechte
Die Folge zeigt, wie das Einlasssystem „Hyperion“ Ein- und Ausgänge über elektronische Karten mit biometrischen Daten steuert und wie „Centaur“ mithilfe KI-gestützter Kameras, Drohnen und Sensoren das Gelände überwacht. Die Recherche macht sichtbar, wie stark Sicherheitslogiken und technologische Kontrolle die europäische Migrationspolitik prägen und wirft Fragen nach Transparenz und Grundrechten auf. Trotz einer 2024 verhängten Rekordstrafe der griechischen Datenschutzbehörde wegen gravierender Mängel werden die Lager weiter ausgebaut, der Zugang bleibt jedoch stark eingeschränkt, auch und vor allem für Journalist:innen.
Arbeiten unter erschwerten Bedingungen
Im Gespräch gab Troelenberg Einblicke in die Praxis: Viele Orte, der in der Serie Hochsicherheitslager und Rückführungszentren seien kaum zugänglich gewesen, das Team habe improvisiert, um Stimmen vor Ort einzufangen – etwa Gespräche am nächstgelegenen Kiosk, wenn der Zutritt zum Lager verwehrt blieb. Die Erzählung entwickelte sich fortlaufend aus dem Material: Welche Szenen und Töne bleiben haften? Welche Perspektiven tragen die Geschichte?
Intuitives Storytelling, nüchterner Ton
Troelenberg beschreibt ihren Zugang als intuitiv: Interviews, Atmosphären und prägnante Töne werden gesammelt, bis sich ein Rhythmus abzeichnet. Statt auf Dramatisierung zu setzen, rückt die Serie das System in den Mittelpunkt – politische Entscheidungen, wirtschaftliche Interessen und technische Infrastrukturen hinter Europas Grenzregime. Persönliche Schicksale kommen vor, stehen aber nicht im Zentrum.
Fazit
Einmal mehr machte der Abend im Hörfeld spürbar, welche Kraft im gemeinsamen Hören von Geschichten liegt und wie inspirierend der Austausch unter Audioschaffenden sein kann. Davon profitieren nicht nur die angehenden Journalist:innen des Studienbereichs Journalism & Mediamanagement, sondern auch all jene, die Einblicke in investigative Recherchemethoden gewinnen und sich über zeitgemäßes Storytelling austauschen möchten.